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Fiddler’s Green – der Song

Sonnenuntergang über den Ruinen von Whitby Abbey/ engl. Ostküste (Foto: kuec)Das Paradies ist – ein Ort mit schönem Wetter, springenden Delfinen, Rumflaschen, die auf Bäumen wachsen, Freibier und netten Mädels. Wenigstens wenn man ein Seemann ist und den Vorstellungen folgt, die John Conolly in seinem Song „Fiddlers’ Green” beschreibt. Er gibt an, der Begriff sei bei Seeleuten vieler Nationen in alten Shanties verbreitet gewesen.

Hintergrund

John Conolly (mit nur einem n!) wuchs in der Hafenstadt Grimsby an der englischen Ostküste auf. Er begann bereits in den Sechziger Jahren zu singen und Lieder zu machen. Das Leben an der Küste, die Geschichten vom Walfang und von Schiffsunglücken spiegeln sich in seinen Liedern. Er lebt immer noch an der Nordsee, spielt Knopfakkordeon oder Gitarre und tritt heute noch auf.

Die Entstehungsgeschichte ist, vom Autor selbst ergänzt, im Forum des Mudcat Cafe nachzulesen. Die Idee kam Conolly 1966, als er eine Zeitungskolumne las, in der Fragen aus der Leserschaft beantwortet wurden. Er schrieb den Song für seine Band The Broadside. Sein musikalischer Partner Bill Meek sorgte dafür, dass aus den Seemanns- Spezialsocken im Text das Ölzeug wurde, damit der Song auch im Binnenland zu verstehen war.

Segelschiff im Museumshafen von London (Foto: kuec)Dass „Fiddlers’ Green” rasch als Volkslied eingestuft wurde, ist nicht verwunderlich. Dem Song merkt man an, dass sein Schöpfer mit traditionellem Material vertraut ist – was seine Leistung aber nicht schmälert. Ein Lied mit der Zeile „Dress me up in me tarpaulin jacket” (was auch ein wasserdichtes Kleidungsstück ist) gab es schon, aber mit anderer Melodie. Das Motiv des Sterbenden, der sich von seinen Freunden verabschiedet, taucht in Volksliedern öfter auf. Die Melodie erinnert ein bisschen an den „Dark Eyed Sailor”, lädt jetzt aber im 3/4 – Takt zum Schunkeln ein.

Und der Bezug zu Irland? Er heiße schließlich Conolly, meint der grauhaarige Sänger verschmitzt.

Eine Theorie besagt, der Begriffs stamme von einem lateinischen Ausdruck: “locus fidelis in gremia” – “Ein Ort für tief Gläubige”. Unter  den Seeleuten habe sich “fidelis in gremia” mündlich zu “fiddler’s green” abgeschliffen. Das kann man glauben, muss es aber nicht.

Die erste bekannte Tonaufnahme findet sich zwischen lauter deutlich älteren Liedern auf der LP„Folk Songs of Old England – Vol.2.”, erschienen 1969. Sie stammt von Tim Hart und Maddy Prior, die als singendes Paar schon vor ihrer Zeit bei Steeleye Span in der englischen Folkszene recht bekannt waren.

Die zweite folgenreiche Veröffentlichung kam – wir ahnen es schon – von den Dubliners, 1973 auf der LP „Plain and Simple”. Danach war der Weg über die Ozeane in alle Welt nicht mehr aufzuhalten. Wie bei einem Schiff unter vollen Segeln bei günstigem Wind.

Text:

As I roved by the dockside one evening so rare,
To view the still waters and take the salt air -
I heard an old fisherman, singing this song -
“Oh, take me away, boys, me time is not long”

CHORUS: Dress me up in me oilskins and jumper -
No more on the docks I’ll be seen -
Just tell me old shipmates, I’m taking a trip, mates,
And I’ll see you some day, in Fiddlers’ Green …

Now, Fiddlers’ Green is a place, I’ve heard tell,
Where fishermen go if they don’t go to Hell -
Where the weather is fair, and the dolphins do play -
And the cold coast of Greenland is far, far away …

The sky’s always clear, and there’s never a gale -
And the fish jump on board with a flip of their tails -
You can lie at your leisure, there’s no work to do -
And the Skipper’s below, making tea for the crew …

And when you’re in dock, and the long trip is through -
There’s pubs and there’s clubs, and there’s lasses there too -
The girls are all pretty, the beer is all free -
And there’s bottles of rum, growing on every tree …

copyright: John Conolly

Um nach Fiddlers’ Green zu gelangen, gibt es in der irischen wie in der griechischen Legende ein sicheres Mittel. Man nimmt ein Ruder auf die Schulter und geht so lange ins Binnenland hinein, bis man gefragt wird, was man da eigentlich trägt.

Alle Lieder aus dieser Serie gibt es in unserem Youtube-Channel in der Playliste ‚Story behind the Song’.


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Zwei Dinge faszinieren mich an Folk-Musik besonders: die mündliche Überlieferung mit ihren verschlungenen Wegen und der Einblick in andere Lebenswelten aus der Perspektive der Betroffenen. Neben meiner Leidenschaft für live-Musik habe ich mich immer wieder mit den Hintergründen dieser „Kultur von unten“ beschäftigt. Das Ergebnis kann man auf küc's Folkseiten studieren. Ich bin mit gemeinsamem Musizieren und einer großen Portion Klassik aufgewachsen. Meine Instrumente sind Geige, akustische Gitarre und E-Bass. Gespielt habe ich in Orchestern, Folk-Gruppen und Oldie-Bands. Hier bei celtic-rock.de pflege ich seit 2008 die Abteilung "Wissen": Instrumentenkunde, interessante Bücher, The Story Behind the Song, Gruppen aus der Frühzeit des Folk-Revivals. Außerdem laufen viele meiner Favoriten in unserer Radiosparte Classics. Schaut doch mal vorbei. Und nicht vergessen: Keep Music Live!

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